*** Anna Thrönle-Trutt ***

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Michael

Trutt

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Anna

Trutt-Nussin

... Eltern von ...

Anna

Thrönle-Trutt

* So, 1688-05-02
† Sa, 1751-04-24

Nachfolgende Identität ...

... verheiratet mit ...

...

 

 

Sa, 1719-04-15

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Fridolin

Thrönle

...

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Anna Thrönle

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Laurentius Thrönle

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Anton Thrönle

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Michael Thrönle

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Maria Thrönle

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Dyonisius Thrönle


*** Report ***


Personalien

Name

Anna Thrönle-Trutt

Bürgerin von

Wyhl, Baden-Württemberg

Geboren am

1688-05-02 in Wyhl, Baden-Württemberg

Gestorben am

1751-04-24 in Galgenbuck, Endingen, Baden-Württemberg

Beruf(e)

Hexe

Wohnort(e)

Wyhl, Baden-Württemberg (1688)


Eltern

Vater

Michael Trutt (1650-09-11 bis 1704-04-02)

Mutter

Anna Trutt-Nussin (1660 bis 1702-10-13)


Partner

Ehemann

Fridolin Thrönle (1697-03-02 bis 1742-07-04)
Hochzeit am 1719-04-15 in Wyhl, Baden-Württemberg


Kinder

Tochter

Anna Thrönle (1720-05-08 bis 1779-04-06)

Sohn

Laurentius Thrönle (1722-07-27 bis 1793-10-08)

Sohn

Anton Thrönle (1725-01-11)

Sohn

Michael Thrönle (1726-09-27)

Tochter

Maria Thrönle (1729-08-13)

Sohn

Dyonisius Thrönle (1731-09-26)


Anna gehörte zu den Vollbürgern im Dorf und gehörte einer einigermassen begüterten Familie an. Sie wurde am 24. Apeil 1751 im Galgenbuck in Endingen als Hexe hingerichtet (siehe Bericht von Graf).

 

Broschüre (Auszug)

Kapitel 2

Die "Hexe" Anna Trutt aus Wyhl Anna Trutt wird am 2. Mai 1688 als drittes von fünf Kindern der Eheleute Michael Trutt' und Anna Nußin in Wyhl geboren. Ihre Großväter Martinus Trutt und Mathis Nuß waren mehrere Jahre Angehörige des Dorfgerichts', ihr Vater Siechenpfleger im Ort.

Am 15. April 1719 heiratet sie den Wyhler Bürger Fridolinus Thrönle. Während ihre beiden Schwestern Catharina und Maria wie üblich mit 21 bzw. 22 Jahren die Ehe eingehen, ist Anna mit 31 Jahren bei ihrer Heirat bereits verhältnismässig alt. Trotzdem gebiert sie in den nächsten elf Jahren sechs Kinder: Anna (1720), Laurentius (1722), Anton (1725 †), Michael (1726), Maria (1729) und Dyonisius (1731).

Nach dem Tod von Fridolinus Thrönle am 4. Juli 1742 heiratet Anna ein Jahr später den Witwer Mathias Schnidtenwind, auch er Mitglied des Dorfgerichts. Im pfarramtlichen Trauungsbuch wird Anna vom Geistlichen als "virtuosa vidua" - tugendhafte Witwe - bezeichnet, eine Standardformulierung für Witwen in den Pfarrbüchern. Anna gehört durch die eigene Herkunft ebenso wie durch ihre zwei Männer' zur Schicht der Vollbürger im Dorf und damit auch zu den einigermassen Begüterten; bei der Frage, warum sie so spät heiratete, kommt man über Vermutungen nicht hinaus. Und sie wäre für uns nur ein Name geblieben wie die vielen anderen in den Kirchenbüchern, wahrscheinlich mit dem knappen Vermerk "cum armamentis ecclesiae" - mit den Stärkungsmitteln der Kirche (gestorben) - im Totenregister aufgeführt, wenn es nicht den verheerenden Brand am 7. März 1751 gegeben hätte.

An diesem Tag, dem 2. Fastensonntag im Kirchenjahr', verschuldet Anna Trutt ein Unglück, dem nicht zuletzt sie selbst zum Opfer fällt. Aus den erhaltenen Dokumenten ergibt sich folgender Hergang: Um eine seit längerem an einer hart-näckigen Erkältung leidende Kuh zu kurieren, räuchert Anna vor dem Mittagessen ihren Stall aus. Ob sie dazu lediglich Stroh oder bestimmte getrocknete Kräuter verbrannt hat, erfahren wir nicht. Für Letzteres spricht allerdings, dass man ihr im Prozess den Vorwurf des "Raigens" (Räucherns) gemacht hat, und das weist auf den Verdacht von Magie/Zauberei hin, weil man die wissenschaftlichen Kenntnisse über die desinfizierende Wirkung bestimmter Stoffe noch nicht besass. Anna ist fast 63 Jahre alt, d.h. in der damaligen Zeit eine Greisin. Nach dem Räuchern verlässt sie den Stall in der Meinung, die Glut sei erloschen. Sie besucht eben noch schnell eine Nachbarin und will dann nach Hause, um für ihren Mann und sich das Mittagessen zu richten, doch als sie ins Freie tritt, sieht sie schon Flammen aus ihrem Stall schlagen, und in kurzer Zeit entwickelt sich daraus eine Feuersbrunst, der schliesslich 88 Gebäude, Häuser, Scheunen, Ställe und Schöpfe, alle damals wie üblich strohgedeckt zum Opfer fallen; in dem Inferno kommen nicht nur ein paar Stück Vieh um, sondern auch ein dreijähriges Kind.

Schon während des Brandes werden Stimmen laut, die von Hexerei sprechen; wichtiger Hinweis ist den Leuten einmal die Geschwindigkeit, mit der das Feuer um sich greift, zum andern die Tatsache, dass sogar Brunnenbäume der damals noch allgemein üblichen Ziehbrunnen verbrennen, was das Löschen erheblich erschwert. Und da rasch bekannt wird, wo das Feuer ausbrach, richtet sich der Verdacht der Brandstiftung gegen Anna, und wir lesen sowohl im Verhörprotokoll vom 16. März wie auch im Eintrag des Ortsgeistlichen, dass sie "in keinem guten Ruf steht", eine verhüllende Ausdrucksweise dafür, dass man sie für eine Hexe hält. Ob und wann sie schon im Dorf arrestiert wurde, vielleicht auch, um sie vor der Rache der Geschädigten zu schützen, wissen wir nicht; dass es im ehemaligen Lehrerhaus ein "Hexenkämmerchen" gab, kann ein Indiz sein, ist aber kein Beweis. Sicher ist, dass Anna und ihr Mann Mathias am 16. März 1751 zum Verhör in Endingen vor dem dortigen Rat erscheinen müssen'. Sie sprechen beide von der kranken Kuh und ihrem Versuch, sie mit Heublumenwickeln zu kurieren. Vom Räuchern sagen sie nichts, sie wissen, dass das verboten ist und als Teufelswerk gilt, aber die Endinger Herren sind darüber bereits durch Leute aus Wyhl informiert. Während Mathias nicht weiter belangt wird, heisst es bei Anna im abschliessenden Bescheid des Protokolls: "Um sich in der Angelegenheit besser informieren zu können, solle, da die Sache so leer (harmlos) nicht sein könne, die Schnidenwindin vorerst verhaftet werden". Was man von ihr hören will und schliesslich auch zu hören bekommt, ist das Geständnis, den Brand absichtlich und mit des Teufels Hilfe verursacht zu haben. So kann man es im Eintrag des Pfarrers Mathias Hagenbuch im Notabilienbuch lesen. Zunächst schildert er die verheerende Feuersbrunst und die verzweifelten Versuche der Einwohner, aber auch der aus den umliegenden Dörfern und Städten zu Hilfe geeilten Feuerwehren, ihrer Herr zu werden; dann schliesst er: "Weil der Brand, wie anfangs schon gesagt, verdächtig war, hat die Herrschaft Endingen des Mathis Schnidenwinds Frau befohlen, vor dem Rat zu erscheinen, denn es war angegeben worden, sie habe durch Beräuchern ihres Viehs diesen Brand verursacht. Sie hiess Anna Trutt, war im Jahr 1688 geboren.

Und nachdem sie durch Zeugen überführt worden war', dass sie einigen Bürgern ihr Vieh verdorben habe, ist sie im Gefängnis festgehalten und "scharf examiniert" heftig gefoltert) worden, und da hat sie dann gestanden, dass sie einen Pakt mit dem Teufel gehabt und mit dessen Hilfe den erbärmlichen Brand absichtlich gelegt habe. Darauf wurde das Urteil über sie gesprochen, dass sie lebendig solle verbrannt werden. Dieses Urteil wurde an ihr auch vollzogen, und zwar am 24. April 1751 vor mehr als 10 – 12.000 Zuschauern. Das Urteil wurde bei dem Endinger Hochgericht vollstreckt."

Während der Pfarrer ohne Wenn und Aber von Hexerei spricht, ist der Endinger Stadtschreiber sehr viel vorsichtiger: "Am 24. April (1751) ist Anna Schnidenwind geborene Trutt, wohn- und sesshaft zu Wyhl, wegen Giftmischerei, weil sie damit verschiedentlich dem Vieh Schaden zugefügt hatte, aber auch wegen der jüngst am 7. März dort ausgebrochenen schlimmen Feuersbrunst nach ordnungsgemäss durchgeführter Untersuchung und einem dazu eingeholten Rechtsgutachten zur wohlverdienten Strafe, aber auch zu abschreckendem Beispiel und zum Abscheu auf den Scheiterhaufen gebracht, erdrosselt und durchs Feuer vom Leben zum Tod gebracht worden. Man merkt deutlich, wie er jedes Wort abwägt, statt Hexerei wählt er das lateinische veneficium, das zwar auch Hexerei bedeuten kann, aber zunächst eben Giftmischerei heisst; er spricht von einem ordnungsgemäss durchgeführten Verfahren, wo der geistliche Herr mit "hart examiniert" doch etwas Inhaltliches verrät, nämlich die grausame Folterung, und mit dem Verweis auf das eingeholte Rechtsgutachten soll der Leser den Eindruck bekommen, es sei alles nach Recht und Gesetz abgelaufen. Genau das ist es aber offenbar nicht.

Schon kurz nach ihrem Antritt als Regentin 1740 hatte Maria Theresia angeordnet, dass kein Urteil wegen Hexerei vollzogen werden dürfe, wenn es nicht ihr vorgelegt und genehmigt worden sei, und zwar "zur Verhinderung ferneren Unfugs". Das ist im Fall von Anna Trutt nicht geschehen, denn am 5. November 1766 verweist die Kaiserin auf den genannten Erlass und stellt dann mit Befriedigung fest: "... welch unsere höchste Verordnung die heilsame Wirkung hervorgebracht, dass derlei Inquisitionen mit sorgfältigster Behutsamkeit abgeführet, und in Unserer Regierung bisher kein wahrer Zauberer, Hexenmeister oder Hexe entdeckt worden, sondern derlei Prozesse allemal auf eine boshafte Betrügerei, oder eine Dummheit und Wahnwitzigkeit des lnquisiten (Untersuchten), oder auf ein anderes Laster hin ausgelaufen seien, und sich mit empfindlicher Bestrafung des Betrügers oder sonstigen Übeltäters, oder mit Einsperrung des Wahnwitzigen geendet haben." Diese Aussage ist nur denkbar, wenn die Kaiserin vom Fall Anna Trutt nichts wusste. In Endingen und auch in Freiburg aber kannte man ihre Verordnung von 1740 mit Sicherheit; wären die Akten, wie verlangt, nach Wien gegangen, wäre es vermutlich nicht zur Hinrichtung gekommen, und insofern kann man von einen "Justizmord" sprechen. Man darf annehmen, dass Anna Trutt Kenntnisse in dei sogenannten Volksmedizin besass, die über das normale Hausfrauenwissen hinausreichten. Der Glaube an Hexen und ihre bösen Machenschaften war vor 250 Jahren und noch lange danach nicht nur in Wyhl, sondern in der ganzen Gegend weit verbreitet - schon die angegebene Zuschauerzahl bei der Hinrichtung spricht da Bände. Wenn es aber heisst, Anna Trutt habe in keinem guten Ruf gestanden, trifft das für die Zeit nach dem Brand gewiss zu, vorher aber hatten wohl manche bei ihr Hilfe gesucht und vielleicht auch gefunden, wenn sie mit den eigenen Hausmitteln nicht mehr weitergekommen waren.

Enttäuschend, weil ohne jedes Anzeichen von Nachdenken oder gar Kritik, sind die paar Äusserungen von Geistlichen. Neben dem damaligen Wyhler Pfarrer haben sein Abt Petrus Glunk und der Pfarrer von Oberhausen den Fall vermerkt. Der Herr von Oberhausen schreibt: "Da am 7. März - es war der Sonntag reminiscere (Gedenke, Herr, an dein Erbarmen) - in dem Dorf Wyhl eine grauenhafte Feuersbrunst entstand, so dass mehr als das halbe Dorf verbrannte und in Rauch aufging, so hat diese in Bedrängnis geratene Gemeinde wahrhaft ein trauriges reminiscere bekommen.

Angestiftet hat dieses Unglück eine Bürgersfrau aus Wyhl, von der man zunächst glaubte, sie habe aus Unachtsamkeit ihren Kuhstall in Brand gesetzt. Als sie aber in Endingen gefangen gehalten und gefoltert wurde, so kam heraus, dass sie eine Erzhexe und Zauberin war und dieses grosse Unheil absichtlich angerichtet hatte. Sie ist deshalb ausserhalb von dem besagten Endingen am 24. April öffentlich hingerichtet und verbrannt worden." Abt Petrus Glunk fasst sich noch kürzer. Nachdem er unter dem 7. März 1751 den Brand mit den Schäden festhält, folgt in einem Nachtrag nur: "Die Person, durch welche die Brunst entstanden, war eine Zauberin, die auch verbrannt wurde."'

Bereits in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatten einzelne protestantische deutsche Länder die Folter abgeschafft und Hexerei als Verbrechen aus dem Strafregister genommen, insbesondere Preussen (1740), der wichtigste Rivale der Habsburger in Deutschland.

Diese Geistlichen wie auch die befragten Juristen der Freiburger Universität hatten sich darüber offenbar keine Gedanken gemacht, und sie hatten auch nicht zur Kenntnis genommen, was schon mehr als 100 Jahre vorher mitten im Dreissigjährigen Krieg der Jesuit Friedrich v. Spee in seiner "Cautio Criminalis" festgestellt hatte: "Die Folter macht die Hexen. Schafft die Folter ab, und es gibt keine Hexen mehr."

Kapitel 3 Wegen einer kranken Kuh

Als am Morgen des 24. April 1751 Anna Trutt aus Wyhl auf dem Galgenbuck in Endingen als Hexe verbrannt wurde, nachdem auch die zuständigen gelehrten Herren der Universität Freiburg nach gründlicher wissenschaftlicher Untersuchung zu dem Schluß gekommen waren, daß dieses Satansweib auf solche Weise zu Tode gebracht werden könne/solle/müsse, als dies geschah, hatte ihr Mann Mathias Schneidenwind nach einer schlaflosen Nacht noch in der Dämmerung das Haus verlassen. Es war mit Hilfe von Verwandten notdürftig repariert, die Brandlöcher auf dem Dach mit neuen Strohbüscheln ausgeflickt worden, während Stall und Scheune als schwarze Ruinen den Launen des Aprilwetters schutzlos preisgegeben waren.

Mathias begegnete in dieser frühen Stunde keinem Menschen; durch ein paar schmale, verwinkelte Gassen im Unterdorf gelangte er rasch in die Bannau und zum Rühwald. Hier setzte er sich am Waldrand auf einen Holzstoß, und nun überkamen ihn wie ein unaufhaltsamer Strom die Bilder all dessen, was in den vergangenen Wochen seit dem unglücklichen Sonntag Miserere geschehen war. Anfang März war eine ihrer zwei Kühe krank geworden, sie hatte gekeucht und schwer geatmet, nicht mehr fressen wollen und war von Tag zu Tag weniger geworden. Der Metzger Schwörer hatte heiße Heublumenwickel auf Hals und Brust empfohlen, und Anna hatte dem Tier morgens und abends solche Wickel gemacht, aber eine Besserung war nicht eingetreten. Schließlich griff sie zu einem Rezept, das sie als junges Mädchen von ihrer Mutter erfahren und das sie selbst auch schon ab und zu angewandt hatte, wenn jemand aus dem Dorf um Hilfe für ein krankes Stück Vieh zu ihr gekommen war: sie nahm verschiedene getrocknete Kräuter, aus denen man bei fiebrigen Erkältungen einen heilkfäftigen Tee machte, und zündete sie in einer Ecke des Stalls an. Der Rauch durchzog den ganzen Raum und erfüllte ihn mit einem wohlriechenden Duft. Als die Glut erloschen schien, hatte Anna noch eben die Nachbarin besucht und eine Weile mit ihr geschwatzt; nun wollte sie nach Hause, um mit Mathias zu Mittag zu essen, doch sie war noch keine drei Schritte gegangen, da sah sie schon Feuer aus ihrem Stall schlagen. Und dann brach die Hölle los an diesem siebten März 1751; im Nu fing auch die Scheune Feuer, ein Wind kam auf und trug die Funken auf benachbarte Gebäude und ließ die Strohdächer aufflammen, und je mehr Häuser, Ställe, Scheunen, Schöpfe' und sogar Brunnenbäume brannten, umso heftiger wurde der Wind, und obwohl auch die Feuerwehren der ganzen Nachbarorte bis Kenzingen, Riegel und Bahlingen zu Hilfe kamen, wurde fast halb Wyhl ein Raub der Flammen, und neben einigen Rindern — darunter auch ihre zwei — und Schweinen kam ein dreijähriges Kind um, und das war am schlimmsten. Anna und Mathias hatten schnell erkannt, daß Stall und Scheune verloren waren, und alle Kraft darauf verwandt, das Wohnhaus zu retten. Sie hatten nasse Tücher an Stangen gesteckt und von einer Leiter aus die Brandherde im Dach erstickt, und am Abend konnten sie hoffen, wenigstens das Haus behalten zu haben. So froh sie darüber waren, so groß war ihre Angst vor der Reaktion des ganzen Dorfes, denn daß die Feuersbrunst von ihrem Stall ausgegan-gen war, das ließ sich nicht lange verheimlichen. Und klar war auch, daß Anna nicht gesehen hatte, daß unter dem Aschehäufchen der Kräuter noch Glut glomm, als sie wegging, und daß von da herumliegende Strohhalme Feuer gefangen und den Brand ausgelöst hatten. So tatkräftig die beiden gegen das Feuer gekämpft und ihr Haus den Flammen entrissen hatten, so gelähmt und völlig hilflos waren sie nun, wenn sie an das dachten, was auf sie zukommen würde; die Angst krallte ihr Herz zusammen. Und diese Angst war berechtigt, denn bereits am folgenden Tag sagten verschiedene Zeugen aus der Nachbarschaft vor Vogt und Gericht aus, daß sie gesehen hätten, wie aus Stall und Scheune des Mathias Schneidenwind am Sonntag um die Mittagszeit Flammen geschlagen hätten. Und während des Infernos hörte man schon das Wort "Hexerei", nicht zuletzt von Leuten, die in der Vergangenheit selbst Annas Dienste in Anspruch genommen hatten; das Wort war auf sie gemünzt, die Wut der Dörfler auf sie gerichtet.

Mathias ging nun vor dem Holzstoß auf und ab; er sah wieder, wie zwei Beauftragte des Vogts Anna in den Ortsarrest im Lehrerhaus in der Breiten Gasse abführten, ohne daß er es verhindern konnte, obwohl er Mitglied des Dorfgerichts war. Dann standen sie beide vor dem Endinger Rat und berichteten, wie sie versucht hatten, die kranke Kuh mit Heublumenwickeln zu kurieren; von dem Räuchern erwähnten sie nichts, denn sie wußten, daß dies als Teufelswerk galt. Doch die Endinger waren bereits von Leuten aus Wyhl darüber informiert, und so wurde Anna festgehalten, weil der Endinger Rat der Meinung war, "daß die Sach so leer" nicht sein konnte. Er, Mathias, durfte wieder zurück nach Wyhl, Anna nicht; was sie erwartete, war beiden klar. Sie schauten sich noch einmal an - es war der endgültige Abschied, der Augen-Blick für die Ewigkeit.

Inzwischen war es Tag geworden; der leichte Nordwestwind hatte zugenommen, er brachte Regenböen mit Graupeln, Aprilwetter. Mathias suchte Schutz unter einer großen krummastigen Eiche am Rand des Rühwalds; sie hatte schon ausgetrieben, und das rotbraun-gelbe Blätterbett vom vergangenen Jahr unter ihr bot immer noch ein weiches Lager. Mathias streckte sich darauf aus, er spürte, wie die Müdigkeit ihn überkam, und zugleich gingen seine Gedanken zurück in die paar früheren Jahre mit Anna. Im Juli 1745 hatten sie geheiratet, er Witwer, sie Witwe, eine Notgemeinschaft von zwei älteren Leuten, aber Zuneigung war durchaus vorhanden. Anna war eine eigenwillige Person; mit 31 Jahren erst hatte sie Fridolinus Thrönle geheiratet; das war 1719, und von 1720 bis 1731 hatte sie sechs Kinder geboren, und fünf davon waren am Leben geblieben. Als ihr Mann 1742 starb, bewirtschaftete sie ihr Anwesen mit vier noch unmündigen Kindern selbständig und erfolgreich, und ihr herbes, verschlossenes Wesen hatte ihn, Mathias, der seit 1744 Witwer war, angezogen. Im Grund waren sie sich ähnlich: wortkarg, zuverlässig, ehrlich, und so waren die Voraussetzungen für eine glückliche Zweitehe gut. Daß Anna von ihrer Mutter manche Heilmittel kannte, die Mensch und Tier bei Erkrankungen helfen konnten, war im Dorf allgemein bekannt, und deshalb suchte man bei ihr immer mal wieder Rat und Hilfe. In Verruf gebracht hatte sie vor allem der Wellinger Eremit, der ihr Wissen als Teufelswerk bezeichnete und bekämpfte. Die Müdigkeit überwältigte Mathias nun endgültig, und er schlief im Schutz der Eiche fast zwei Stunden tief und fest. Als er wieder aufwachte, glänzte und funkelte die Welt wie frisch gewaschen im Licht der Aprilsonne, und ein vielstimmiges Vogelgezwitscher verkündete neues Leben. Mathias rieb sich die Augen, er war noch ganz benommen von einem Traum, in dem ihm Anna gesagt hatte, es sei nun alles überstanden und gut. Das war tröstlich, aber plötzlich begriff er, daß die Wirklichkeit ganz anders aussah, und der Schreck vor dieser Wirklichkeit jagte ihn hoch aus seinem Lager und trieb ihn ziellos weiter den Reckholder hinauf und Richtung Limberg. Er wagte keinen Blick nach Osten, wo der Endinger Richtplatz lag und wo man jetzt Vorbereitungen traf, Anna auf dem Scheiterhaufen umzubringen, er ging mit stolpernden Schritten wie zwanghaft getrieben nach Süden, die Augen auf den Boden gerichtet, ohne das Lichtergefunkel der Sonne im frischen Grün von Gräsern, Büschen und Bäumen wahrzunehmen. Plötzlich hatte ihn die grausame Realität übermannt und ließ ihn fast wahnsinnig werden. Er wußte, daß Anna keine Hexe war, mit dem Teufel nichts zu schaffen hatte, aber er wußte auch, daß er ohnmächtig war gegenüber dem Endinger Gericht und den hochgelehrten Herren der Freiburger Universität und nicht zuletzt auch gegenüber der Wut der Wyhler Bevölkerung, und unter dieser Ohnmacht hatte er schon seit Annas Verhaftung Tag und Nacht gelitten. Eigentlich wollte er jetzt unentwegt weiterlaufen, nur weg von hier. Ohne es richtig zu merken, war er durch den Wald auf der Nordseite den Limberg hochgestiegen, hatte die Senke des ehemaligen Burggrabens durchquert und befand sich nun im ausgedehnten Ruinengelände der Limburg. Unter sich sah er den Rhein mit seinen größeren und kleineren Wasserläufen und dem Gewirr unzähliger Inseln, und jenseits des Flusses konnte er hinter dem breiten, grünen Band des Auewaldes' die Kirchtürme von Marckolsheim und Mackenheim erkennen. Das sah alles so friedlich aus an diesem Morgen; auch wenn Sonne und Wolken dauernd wechselten und zwischendurch ein paar Tropfen fielen, es wirkte wie ein heiteres Spiel, zuversichtlich und gelöst. Mathias war mit ein paar Schritten bei der Burgmauer, wo der Felsen steil zur Flußaue abfiel, und er spürte den Sog der Tiefe und ein starkes Verlangen, den Schritt über den Mauerrest hinaus zu tun und damit aller Not und Qual ein Ende zu machen. Eine ganze Weile stand er an der schmalen Grenze zwischen Leben und Tod, er wippte unbewußt zwischen Zehen und Fersen, doch dann wandte er sich ab und suchte Unterschlupf in einer Höhle, die sich im Trümmerhaufen des Bergfrieds gebildet hatte. Der Blick ging von hier nach Süden, rheinaufwärts in Richtung der ebenfalls zerstörten Sponeck und Breisach; hätte er in den nächsten zwei Stunden nach Nordosten geschaut, er hätte die Rauchsäule gesehen, die vom Endinger Galgenbuck in den jetzt so heiter scheinenden Aprilhimmel stieg.

Das Wetter meinte es gut mit ihm: die Regen- und Graupelschauer hatten aufgehört, und die schon kräftige Aprilsonne spendete bis zum Abend eine wohlige Wärme. Mathias verbrachte Stunde um Stunde in seiner Höhle, mal im Eingang, um die Glut des himmlischen Ofens von Kopf bis Fuß auf sich wirken zu lassen, dann wieder im Schatten des zerstörten Gemäuers, um sich abzukühlen. Und in diesen Stunden überdachte er sein ganzes bisheriges Leben, seine erste Ehe mit der damals schon 49-jährigen Witwe Eva Maria Straubin, die er 1711 geheiratet hatte und die 1744 gestorben war. Ihre beiden Kinder waren nun schon lange verheiratet, Anna Maria seit zweiundzwanzig Jahren in Endingen, Johann seit vierzehn in Forchheim - sie brauchten seine Hilfe nicht mehr, sie hatten ihre eigene Familie, eigene Nachbarn, Freunde, und seit seiner zweiten Ehe hatten sie auch nicht mehr nach ihm geschaut, wollten nichts mehr von ihm wissen, und nach Annas Verhaftung als Hexe schon gar nicht mehr. Er, Mathias, gehörte seit vielen Jahren dem Ortsgericht von Wyhl an und galt als Ehrenmann, und als er 1745 Anna Trutt heiratete, wurde diese vom Pfarrer beim Eintrag in das Register als virtuosa vidua, als tugendhafte Witwe, bezeichnet. Mathias hatte an der Richtigkeit dieser Bezeichnung nie gezweifelt, und er tat es auch jetzt nicht, auch wenn ihre Asche an diesem Nachmittag bereits in alle Winde zerstreut wurde und ihr Name weder im Sterbebuch von Wyhl noch von Endingen erscheinen durfte, sondern getilgt sein sollte in der Erinnerung der Christenmenschen für alle Ewigkeit, weil sie gemäß dem Urteil mit dem leibhaftigen Gottseibeiuns paktiert hatte. Mathias wußte es besser, aber so gut wie niemand teilte seine Meinung.

Als die Sonne schon ziemlich tief über dem Vogesenkamm stand, verließ er seine Zuflucht und stieg wieder den Limberg hinab ins Burggrün. Nahe am Waldrand wußte er eine Quelle; zu der ging er nun hin und trank in langen Zügen das kühle, wohlschmeckende Wasser. Hunger empfand er auch jetzt noch nicht, obwohl er den ganzen Tag nichts gegessen hatte. Im Abendschatten ging er dann durch das Reckholdergelände und die Bannau, und als er Wyhl erreichte, war es bereits dun-kel, und trotz seiner Ortskenntnis fand er nur mühsam durch das vom Brand arg mitgenommene Unterdorf schließlich sein Haus. Er war froh, daß ihm auch jetzt niemand begegnet war, stieg die paar Treppenstufen hoch, ging durch den kleinen Flur in die Küche und entfachte mit dem Zunder im Herd Feuer; dann setzte er sich an den Tisch, stützte seinen Kopf in beide Hände und schaute in die helle Glut: er wußte wirklich nicht, wie er weiterleben sollte. Die meisten Leute im Dorf gingen ihm aus dem Weg oder tuschelten hinter seinem Rücken, Kinder zeigten ganz ungeniert mit dem Finger auf ihn, und selbst aus der engsten Verwandtschaft halfen ihm nur der Bruder Johann und seine Frau Maria, sonst niemand; ohne deren Hilfe wäre er längst verhungert, und wahrscheinlich hätte das keinen im Dorf gekümmert. Hätte er sich von Anna losgesagt, sie als Hexe verdammt wie die anderen, dann hätten sie ihn alle bedauert, als armes Opfer einer schlimmen Frau in ihre solidarische Gemeinschaft aufgenommen und für ihn gesorgt; aber Mathias brachte diese Lüge nicht über sich.

Nun starrte er stumpfsinnig ins Herdfeuer, und je länger er so saß, umso häufiger und eindeutiger sah er nur eines: die schmale Grenze, auf der er am Morgen gestanden hatte. Schließlich richtete er sich auf, holte einen Becher vom Regal über dem Schüttstein, tauchte ihn in den Wassereimer und trank ihn leer; essen mochte er immer noch nichts, schon der Gedanke daran widerstand ihm. Dann löschte er sorgsam die Glut im Herd, tastete sich zur Bank zurück und legte sich hin, und schon halb im Schlaf blieb ihm bloß der immer gleiche Gedanke: ein Schritt.

Anna Schnidenwind geborene Trutt (1688-1751)

Quelle: Anna Schidenwind geborene Trutt; Sondersduck zum 250. Todestag, 24. April 2001

 

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Erstellt durch Daniel Stieger (letzte Aktualisierung: 01.09.2019)
Letzte Änderung: 2018-12-02
Quellen: Wyhl am Kaiserstuhl - einst und jetzt (1963) - 199/3, 198/15
 
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