Das 'Rote Haus' in Oberriet

Artikel von Benito Boari aus 'Unser Rheintal, 1977, p. 73-74'.

Das rote Haus in Oberriet (von Benito Boari) 1/2

An der Hauptstrasse gegen Altstätten, im Ortsteil Eichenwies, steht seit Menschengedenken das Stiegerhaus. Seinen volkstümlichen Namen erhielt es wohl deswegen, weil darin die Familie Stieger schon in der vierten Generation dem Bäckerberuf nachgeht

Das genannte Objekt präsentiert sich im unscheinbaren Gewande der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, teils grau verputzt und teils geschindelt. Es war als Doppelhaus von zwei Eigentümern bewohnt und bot äusserlich keinen erfreulichen Anblick. Der derzeitige Besitzer, Herr Linus Stieger, hat den kunsthistorischen Wert des Gebäudes schon früh erkannt. So liess er in seinem Hausteil diverse wiederentdeckte Wand- und Deckenmalereien fachgerecht restaurieren. Am 2. Februar 1973 wurde das Anwesen von einem Brand heimgesucht. Der nördliche Teil, wo das Feuer ausgebrochen war, sowie der Dachstock erlitten grossen Schaden. In dieser Situation entschloss sich Bäckermeister Stieger, das Haus vollends zu erwerben und die schon lange erwünschte Gesamtrestaurierung an die Hand zu nehmen. In Zusammenarbeit mit der Eidgenössischen und Kantonalen Denkmalpflege ging er mit viel Optimismus ans Werk.

Sehr bald enthüllte die Brandruine baugeschichtlich interessante Aspekte. So zeigte sich, dass das Erdgeschoss äusserst massiv in Bruchstein gemauert ist. Im ersten Stock präsentiert sich die östliche Hälfte als Strickbau, während der westliche Hausteil und das Dachgeschoss in Fachwerk ausgeführt sind. Daraus ist ersichtlich, dass die alte Bausubstanz mindestens aus zwei Epochen stammt. Aus der Geschichte des «Roten Hauses», wie es auch genannt wird, ist nicht allzuviel bekannt. Das Baujahr dürfte in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts fallen. Die erstaunlich grossen Stuben und die zahlreichen Malereien innen und aussen lassen auf wohlhabende Besitzer schliessen. Die Annahme, es handle sich um ein ehemaliges Rathaus ist nicht unbedingt stichhaltig. Der Name «Rothus», oder auf oberrieterisch «Roathuus» kann sich auch auf die äussere Gestalt des Gebäudes bezogen haben. «Rote Häuser», ohne politische Hintergedanken, gab und gibt es mancherorts im Rheintal, herwärts des Rheins und auch «überennen». Zeitweise diente es als Wirtschaft und Sust. Später war in der südlichen Hälfte eine Seilerei untergebracht und im nördlichen Hausteil ging ein Schmied seinem russigen Gewerbe nach. Kaspar Zäch, genannt Benjamins [Anmerkung: dieser Name wurde nirgends festgehalten - evtl. verwechselt mit 'Wittekind'?] aus Freienbach, seines Zeichens Advokat, Oberstleutnant und von 1855 bis 1859 Gemeindammann, bewohnte das Haus eine zeitlang. Er war der Urgrossvater mütterlicherseits des heutigen Eigentümers [Anmerkung: er war der Bruder des Urgrossvaters!]. 1895 übergab der Urgrossvater Josef Peter Stieger das Anwesen samt Pfisterei, wie man dazumal eine Bäckerei nannte, seinem Sohn Adolf Stieger. 1942 erbte es der Nachfolger gleichen Namens und gab es 1956 dem heutigen Inhaber Linus Stieger weiter.

Nach vollendeter Wiederherstellung zeigt sich das «Rothus» in seiner ganzen Pracht. Die beiden Giebelseiten weisen ein reichhaltiges Riegelwerk auf. Der Aufgang zum ersten Stock erfolgt über eine rustikale Holztreppe mit einer Laube. Auf der Strassenseite konnte der Ladeneingang samt dem Schaufenster geschickt eingefügt werden. An der Ostfassade wurde die Strickbauweise wieder sichtbar gemacht und wirkt dank dem Anstrich im Ochsenblutton aussergewöhnlich wuchtig und markant. Der Dachaufbau, wohl früher als Aufzugerker dienend, zeigt ein gut erneuertes Fresko, die Krönung Mariens darstellend. Im nördlichen Hausteil wurde das Oberrieter Ortsmuseum untergebracht. Sekundarlehrer Peter Zünd hat mit einer kleinen Schar von Helfern ein beachtliches Museumsgut zusammengetragen, hergerichtet und ausgestellt. Die grosse Stube dient als gediegener Versammlungs- und Vortragssaal. Im oberen Stock konnte ein Raum mit alten Schreiner- und Drechslerwerkzeugen gefüllt werden. Das Inventar stammt zu einem guten Teil aus der Werkstatt von Beat Stieger, genannt «Haslisbubes», vom Freienbach. Zahlreiche urtümliche Spezialhobel präsentieren sich da samt den bearbeiteten Werkstücken.

Der frühere Estrich wurde in einen grosszügig konzipierten Ausstellungssaal umgewandelt. Die grau gefassten Riegelhölzer kommen hier besonders wirkungsvoll zur Geltung.

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Im Stall neben dem Hauptgebäude wurde die fast vollständig erhalten gebliebene Schmitte vom «Schmied Joggeli» installiert. Das Prunkstück dieses Raumes stellt ein von Joggeli ersonnener und konstruierter mechanischer Hammer dar, der bezeugt, dass der besagte Handwerker mehr konnte als nur Pferde beschlagen und Spitzgeschirr richten. Eine Fülle von Material, so auch eine umfangreiche Sammlung verschiedener Fahrzeuge harrt noch der Aufrüstung und Präsentation.

Der südliche, von der Familie des Eigentümers bewohnte Hausteil vereinigt modernen Wohnkomfort mit alten, gut integrierten Stilelementen. Ein besonderes Bijou, das sogenannte «Dreifaltigkeitszimmer» steht als nächstes Objekt im Restaurationsprogramm von Herrn Linus Stieger.

Oberriet besitzt nun ein Ortsmuseum, mehr noch, ein Haus der Begegnung, das seine Räume auch zeitgenössischen Künstlern für Ausstellung zur Verfügung stellt. Die Tatsache, dass sich in unserer ganz auf das Materielle eingestellten Zeit eine Handvoll Idealisten gefunden haben, die grosse Opfer für kulturelle Werte bringen, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Erfreulich wäre es, wenn auch jene Teile der Dorfbevölkerung, die diesem Kulturwerk noch fernstehen, das nötige Verständnis für diese Sonntagsstube im schönen Dorf am Rhein aufbringen würden.

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Fragen bitte per e-Mail an mich!

 

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Erstellt durch Daniel Stieger (letzte Nachführung am 10. Februar 2018)